Am Stadtfleet – nur ein Eintrag

Meine Tochter knabbert und schmatzt an ihrem Schokoladeneis herum, während wir hier auf einer Bank am Stadtfleet Platz genommen haben.

Auf der Bank neben unserer klebt eine von Kinderhand gemalte ukrainische Flagge. Die Schülerdemonstration am Freitag kam hier entlang, fast alle Hamburger Schülerinnen haben für Frieden in der Ukraine demonstriert. Der Krieg liegt allen schwer auf dem Herzen.

Es fällt schwer, alles wie gewohnt zu tun, deshalb fehlen mir dieser Tage die Worte für Naturimpressionen.

Eben in der Fußgängerzone bin ich auf zwei wunderbare Sänger und zwei selbsternannte Verkünder Christi gestoßen – der eine professionell mit Mikrofon und Anhängern, die Flyer verteilten, bezeichnete den Papst als Sektierer, der andere stand nur still mit seinem Plakat. Der Zweite ist eine vertraute Gestalt in der Mönckebergstraße. Wenn er ein beeindruckendes Buch gelesen hat, schreibt er dazu ein Plakat und stellt sich mit ernstem Gesicht, allen Blicken ausweichend, auf einen leeren Getränkekasten und hält es den ganzen Tag hoch. Dieses Mal ist es das Wort Jesu, das er mitteilen will, das passt jedenfalls zur Fastenzeit und zur Kriegssituation.

Einer der Sänger war ein Mann mit Akustikgitarre, Jon Kenzie, wirklich ein Könner, verkaufte 2 CDs: eine von 2005, die hieß „Wanderlust“ und ich dachte, wenn er seitdem schon durch die Fußgängerzonen wandert, ist ihm die Lust vielleicht vergangen und ich kaufte die andere CD von 2015. Er weckte tatsächlich viel Aufmerksamkeit heute am Samstag im Shoppinggewimmel der Hamburger Innenstadt. Hier war soviel los, als ob die Leute meinten, Weihnachten wäre näher als aller Krieg.

Die andere Sängerin war eine junge Frau mit voller, ausgebildeter Stimme, die scheu zur Seite schaute, wenn man stehen blieb, um ihr zuzuhören – Lisa Marie, sie klingt wie eine leise Whitney Houston, aber sie nennt sich wie Elvis‘ Tochter.

Manchmal ist es schön, direkt in der Stadt zu wohnen, mitten im Geschehen, mitten in der Kultur. Aber ich dachte auch, die Frau singt hier so wunderschön in der Sonne, die schon richtig wärmt, obwohl die Luft so eisig geworden ist, eisig seit einigen Tagen, während in der Ukraine die Menschen Schutz suchen vor den Bomben.

Es ist, als ob hier alles zeitgemäß wäre, März 2022 in Europa, während dort der Krieg Teil einer anderen Zeitepoche zu sein scheint. Beides zeitgleich und doch ein unvereinbares Jetzt. Denn Bomben und Raketen in unserer Gesellschaft, das ist unvorstellbar und doch braucht es dafür nur einen einzigen alten Mann an der Macht, der glaubt, dass er recht hat. Einen Menschentöter, der sich im Recht wähnt.

„Mama, ich will noch eine Blume malen“, ruft meine Vierjährige, als ich das Notizbuch schon weglegen wollte. Also malt sie und summt dabei.

Kinderzeichnung
Blume, Katze und Mensch

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