Beobachtungen auf dem Waldspaziergang um halb 10

1

Wie die Eiskristalle
in den von Frost  
erstarrten Gräsern auf dem Weg
aufblitzen
wenn man langsam  – blitz
vorübergeht – blitz

Von Sonnenlicht geblendet
nur mit Anstrengung
sehe ich die nackten Baumkronen
über mir vor blauem Himmel
schwarz raumgreifend in die Höhe
wie eine Hand mit vielen Händen und Fingern

Auf dem Weg

3

Zweige Blätter Gräser
von weißen Zacken
eingefasst wie  
eine Umrandung von Edelsteinen

weißumkranzt

4

der Boden bietet den gehenden Füßen
einen neuen Widerstand
noch mehr
das gefrorene Blattwerk
raschelnd, knisternd, brechend
ich hoffe, die Grashalme
zerbrechen nicht
wie Glas
unter meinen zärtlichen Fußsohlen

5

alles was vorher schon schön war – 
Grasbüschel, ein Blatt, ein Zweig auf dem Weg
ist von der zarten Feder des Frostes
in den Strukturen nachgezeichnet.
Es glänzt, leuchtet
Rundes springt in Zacken auf
Linien sind hervorgehoben
eisweiß
betont in seiner Kostbarkeit

6

die Bäume starr
endlich finden sie Ruhe
nun muss auch
der Wind mehr Kraft aufbringen
sie zu bewegen

7

Eben noch wollte ich schreiben: das Wunder nutzt sich ab. Da zieht ein kleiner gelber Vogel meine Aufmerksamkeit auf sich. Gelber Körper, schwarze Kappe, weißes Gesicht, schwarzer Latz bis zu den Füßen, Flügel schwarz-weiß, eine Tannenmeise?
Sie schaut mich an,
fliegt vor mir über den Weg auf einen niedrigeren Zweig,
da, ein Zweiter: Er schnarrt ihr hinterher, erst klingt es wie ein Schaudern vor Kälte,  schnarren, schnarren, 
er fliegt und springt ihr hinterher,
sie immer ausweichend auf einen anderen Zweig –
wie ein Menschenspiel

Im Weitergehen

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das Aufblitzen auf dem Weg
ist besonders überraschend
wo der Weg,
das vor Wochen plattgetretene Laub, 
so braun aussieht wie sonst – 
aber dann blitzt es 
bei jedem Schritt
von den klitzekleinen Juwelen
die ausgestreut worden sind

da, wo der weiße Frost zu sehen ist
Sternengefunkel auf dem Weg

9

der Waldweg mit den von der Morgensonne leuchtenden
Birkenstämmen auf beiden Seiten
als schritte man durch den Mittelgang einer Kirche

Trampelpfad zwischen den Wiesen

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auf der vormals feuchten Erde
eisharte Fußspuren und Furchen 
von Fahrradreifen-Profilen
gefrorene Zeitspuren
klong, klong
ich setze meine Schritte darüber
und hinterlasse keine Spur-
der Boden bleibt in seiner Ruhe unbeeindruckt.

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lebendig der Rhythmus des Vogelrufs
frühlingshaftes d-d, d-d, d-d
dann Zirpen
Krächzen
die vereinzelte Vogelstimme
erhöht die Stille
zwischen den Bäumen im Morgenlicht

nur ich bin ganz Geräusch: raschelnd, Schritte

12 

plötzlich Motorsägen !
sie zerstören
alles
dröhnendes Reißen, Krachen, Knacken
ein weiser Riese fällt
empört laut krachend
schlägt er auf
damit alle Bäume davon erfahren

13

Zu Anfang meines Spazierganges
stand die Sonne 
über meinem Weg in den Wald
mir entgegen, mich durchstrahlend, empfangend
Jetzt, auf dem Rückweg, 
steht die Sonne ebenso über dem Herrenhaus
und empfängt mich 
und wieder bin ich geblendet
von der Fülle des Lichts,
dem ich genau entgegengehe.

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